Klarstellungen: Was Zen ist und was es nicht ist

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Anlässlich einiger Verirrungen auf dem Zen-Weg ist es mir ein Bedürfnis, die folgenden Klarstellungen zu schreiben, aus meiner Sicht als Zen-Meister.

Erleuchtung

Es gibt Zen-Lehrer, die ihren Schülern den Gebrauch von Drogen empfehlen, um den Prozess der Meditation zu beschleunigen. Sie selbst sprechen von bewusstseinserweiternden Substanzen , was natürlich viel besser klingt, gemeint sind damit halluzinogene Drogen.

Im Almtal-Zendo gilt dagegen ein striktes Verbot von Drogen, einschließlich der so genannten bewusstseinserweiternden Substanzen.

Solche Drogen erzeugen natürlich intensive Erfahrungen. Nicht wenige Zen-Schüler glauben, dass intensive Erfahrungen das Ziel von Zen seien. Die westliche Zen-Literatur suggeriert das leider manchmal auch, besonders wenn von der Erleuchtung die Rede ist. Auch die klassische Zen-Literatur bietet für dieses Verständnis viele Anknüpfungspunkte, wenn man sie einseitig versteht.

Ich übe und lehre Zen nicht als Mittel um besondere und starke Erlebnisse und Erfahrungen zu machen, sondern als einen Weg der Befreiung und Erlösung. Erlebnisse und Erfahrungen sind damit verbunden und sie haben in unterschiedlichem Maß, abhängig vom jeweiligen Menschen, eine Funktion auf diesem Weg. Sie kommen auch zur rechten Zeit und von selbst, wenn jemand den Weg ernsthaft und authentisch geht.

Ein künstliches Erzeugen von Erfahrungen durch chemische Substanzen (auch wenn sie aus Pilzen oder sonst wie gewonnen werden) wird aber in aller Regel nur isolierte Erfahrungen erzeugen, die keine wirkliche Funktion für den Weg haben. Das Leben verläuft nachher genauso weiter wie vorher, man ist nur um eine Erfahrung reicher . Ein solcher Reichtum widerspricht dem Geist des Zen ganz und gar, denn Zen heißt nichts festzuhalten. Nicht selten werden besondere Erfah­run­gen zum Hindernis auf dem Weg, weil die betreffenden Menschen nach einer Wiederholung der Erfahrung streben, statt ihren Weg weiter zu gehen. Das gilt auch für Erfahrungen, die auf andere Weise gewonnen werden, es kann sogar auf Erfahrungen zutreffen, die ganz authentisch auf dem Zen-Weg gemacht werden.

Die Erleuchtungserfahrung gibt es nicht. Erleuchtung ist das Individuellste in der Wirklichkeit. Jeder und jede hat seine/ihre eigene Erleuchtung, auf dem ganz eigenen Weg. Selbst das ist schon wieder falsch, niemand hat jemals eine Erleuchtung. Auf unerklärliche Weise verbindet das, was man diesem Begriff bezeichnet, Menschen untereinander in intensiver Weise. Dieses Phänomen der Verbindung ist gemeint, wenn von der Erleuchtung die Rede ist, nicht aber ein Etwas, das man haben könnte.

Sobald erleuchtete von nicht-erleuchteten Menschen unterschieden werden, widerspricht das dem Geist der Erleuchtung.

Der erste Koan im Shoyoroku lautet:

Als Shakyamuni Buddha den Morgenstern sah, wurde er erleuchtet und rief: Ich und der ganze große Kosmos und alle lebenden Wesen erreichen gleichzeitig den Weg.

Der Zen-Meister Keizan (13. Jahrhundert) kommentiert dazu:

Das sogenannte Ich [im obigen Text] ist nicht Shakyamuni Buddha, und auch Shakyamuni Buddha entspringt aus diesem Ich . Nicht nur Shakyamuni, sondern auch der ganze Kosmos und alle lebenden Wesen, entspringen daraus. Das ist so, wie wenn man ein großes Netz hochhebt und dabei alle Öffnungen des Netzes mit hochhebt: Als Shakyamuni Buddha erleuchtet wurde, wurden auch der ganze große Kosmos und alle lebenden Wesen erleuchtet. Nicht nur der ganze Kosmos und alle lebenden Wesen, auch alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden erleuchtet.

Denke daher nicht, dass es nur Shakyamuni Buddha war, der erleuchtet wurde. Du darfst Shakyamuni Buddha nicht getrennt sehen vom ganzen großen Kosmos und allen lebenden Wesen. Obwohl Berge, Flüsse und ihre unzähligen Formen in großer Fülle gedeihen, ist doch nichts davon ausgespart aus Gautamas [=Shakyamuni Buddhas] Pupille. Auch ihr alle hier seid in Gautamas Pupille gegründet. Nicht nur, dass ihr darin gegründet seid, mehr noch, sie ist auch in euch eingefaltet. Und weiterhin, Gautomas Pupille wird der fleischliche Körper; sie wird der ganze Körper einer jeden Person, sie steht in Jedem da wie ein achtzigtausend Fuß tiefer Abgrund. Denke daher nicht, es habe in Vergangenheit oder Gegenwart gleichzeitig nebeneinander diese glänzende Pupille Gautamas und davon verschiedene Personen gegeben. Du bist Gautamas Pupille; Gautama ist die Fülle dessen, was du bist.

Wenn es so ist, wie nennst du dann dieses Prinzip der Erleuchtung? Ihr Mönche, ich frage euch: Wird Gautama zusammen mit dir erleuchtet, oder wirst du zusammen mit Gautama erleuchtet? Wenn du sagst, dass du zusammen mit Gautama erleuchtet wirst, oder dass Gautama zusammen mit dir erleuchtet wird, dann ist das nicht Gautamas Erleuchtung. Daher ist das nicht das Prinzip der Erleuchtung.

Wenn du ein inneres Verständnis von Erleuchtung gewinnen willst, musst du das Du und Gautama mit einem Mal wegwerfen und plötzlich die große Sache des Ich verstehen. Ich ist der große Kosmos und die lebendenden Wesen als und [ und bezieht sich auf den Text: Ich und der ganze große Kosmos und alle lebenden Wesen ... ]. Und ist nicht Ich als dieser alte Geselle Gautama. Prüfe sorgfältig, unterscheide sorgfältig, und verschaffe dir Klarheit über dieses Ich und dieses Und . Selbst wenn du dir über die Bedeutung von Ich klargeworden bist, aber keine Klarheit über das Und erlangst, verlierst du das Auge der Unterscheidung. Da dies so ist, sind Ich und Und weder voneinander verschieden, noch sind sie identisch. Wahrhaftig, deine Haut, dein Fleisch, deine Knochen, dein Knochenmark, sie sind ganz und gar Und . Der Herr des Hauses ist Ich . Das hat weder etwas mit Haut, Fleisch, Knochen und Mark zu tun, noch mit den vier Elementen oder den fünf Skandhas. Letztlich, wenn du die unsterbliche Person in der Einsiedelei kennst, ist sie dann nicht verschieden von diesem Hautsack? Denke von ihr nicht, als sei sie der große Kosmos und die lebenden Wesen. Obwohl die Jahreszeiten wechseln und sich die Berge, die Flüsse und der Kosmos in der Zeit verändern, solltest du realisieren, dass all das nur ein Heben der Augenbrauen und ein Blinzeln Gautamas ist, in all dem steht dieser Leib unabhängig und offen inmitten von Myriaden Dingen. Er wischt die Myriaden Dinge weg und er wischt sie nicht weg. [Übersetzt nach Francis H. Cook: The Record of Transmitting the Light.]

Zen für Führungskräfte

Ich kenne Menschen, die durch Kurse Zen für Führungskräfte auf den Weg des Zen gefunden haben und ihn fruchtbar gehen. Das ist gut.

Dennoch gebe ich selbst keine solchen Kurse. Selbstverständlich freue ich mich, wenn Führungskräfte Zen üben, aber dann sollen sie Zen üben, nicht aber ein spezielles Zen für Führungskräfte .

Ganz und gar widerlich finde ich es, wenn Zen dazu benutzt wird, dass Menschen noch effektiver in einem fragwürdigen Wirtschaftssystem funktionieren und sich ihm fraglos anpassen.

Dieses System erzeugt nicht ohne Grund ausgebrannte Manager (neben den weit mehr anderen Opfern weltweit), zum einen weil es tendenziell Menschen überfordert, zum anderen weil es viele Menschen mit einem Gespür für Menschlichkeit in Widersprüche führt, zwischen ihrer Rolle im System und dem was sie zuinnerst wollen. Und dieses System vereinnahmt gerne auch Zen als Mittel zur Heilung der ausgebrannten Führungskräfte, um sie wieder in das System eingliedern zu können. Ein bisschen Ethik für Führungskräfte als vornehme Korrektur der schlimmsten Auswüchse wird manchmal als Placebo mit dazu verabreicht.

Wer Zen übt muss immer dazu bereit sein, alles in Frage zu stellen, er muss sich und alle seine Rollen vom großen Weg in Frage stellen lassen.

Wohin der Weg dann den Einzelnen führt, das muss er/sie selbst finden und entscheiden. Zen wird missbraucht, wenn in einen Rahmen gestellt wird, der das Ziel schon vorgibt: Eine erneuerte und verbesserte Eingliederung in das System. Das kann für den Einzelnen richtig sein, die Übung des Zen ist aber nur dann authentisch, wenn sich der/die Übende ganz dem Weg anvertraut und sich in Freiheit führen lässt. Und diese Freiheit muss manchmal gegen die Selbstverständlichkeiten der Welt und der Menschen, mit denen man in Beruf und Freizeit zusammen lebt, hart erkämpft werden.

Keichu, der große Zen-Lehrer der Meiji-Zeit, war der Vorstand von Tofukuji, eines Tempels in Kyoto. Eines Tages meldete sich der Statthalter von Kyoto zum erstenmal bei ihm an.

Sein Diener überreichte ihm die Karte des Statthal­ters, auf der stand: Kitagaki, Statthalter von Kyoto. »Ich habe mit so einem Kerl nichts zu schaffen«, sagte Keichu zu seinem Diener. »Sag ihm, er hat hier nichts zu suchen.«

Der Diener gab die Karte mit Entschuldigung zu­rück. »Das war mein Irrtum«, sagte der Statthalter, und mit einem Bleistift strich er die Worte »Statt­halter von Kyoto« aus. »Frag deinen Lehrer noch ein­mal.«

»Oh, ist das Kitagaki?« rief der Lehrer, als er die Karte sah. »Den möchte ich sehen.« [Nach Paul Reps: Ohne Worte, ohne Schweigen.]

Zen-Buddhismus oder christliches Zen?

Etwas Entsprechendes wie zum Zen für Führungskräfte gilt für die Inanspruchnahme von Zen für die Eingliederung in eine religiöse Institution. Religionen sind sehr gut, und ich empfehle auch die offizielle Mitgliedschaft in einer Kirche oder einer buddhistischen Vereinigung oder einer anderen religiösen Institution.

Es gibt aber gerade im Zen viele Menschen, für die das durch Brüche oder durch andere Gründe nicht möglich oder nicht angemessen, also auch nicht gut ist.

Zen darf nicht dafür funktionalisiert werden, eine religiöse Institution zu fördern. Das gilt sowohl für buddhistische Vereinigungen als auch für die christlichen Kirchen. Wer Zen übt vertraut sich der transzendenten Wirklichkeit an und folgt dem, was sich dabei zeigt ohne Kompromisse und ohne den festen Halt, den zu sein Religionen immer in Versuchung sind. Eine Religion, die wirklich aus dem Vertrauen in die Wirklichkeit lebt, kann damit kein Problem haben.

15. Dezember 2014
Stefan Bauberger

Als Reaktion auf diesen Text haben wir einen Hinweis auf den folgenden Link bekommen, den wir gerne weitergeben: Anmerkungen zum "Wellness-Zen" und "Zen für Führungskräfte"


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Letzte Aktualisierung: 01.12.2018